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Abschied auf Raten. Das 350. Vaterstettener Rathauskonzert ist das vorletzte im Lichthof

Münchner Merkur, 28. Oktober 2011

(Wilfried Gillmeister) Vaterstetten - Eigentlich bot das 7. Abonnementskonzert des Jahres der Vaterstettener Rathauskonzerte als die 350. Veranstaltung  dieser Art einen Anlaß zum Feiern. Es wurden zwar nach der Musik auch die Gläser zum Klingen gebracht. Doch es war auch ein Abschied auf Raten. Schließlich war es das vorletzte Konzert, das nach qualitativ hochwertiger Vergangenheit nun ausziehen muss. Der glanzvolle Name aber bleibt, wie das neue Programmheft für 2012 verrät, obwohl vermutlich noch mindestens vier bis fünf Jahre vergehen werden, bis vielleicht an gleicher Stelle wieder Konzerte stattfinden können. Bis dahin geht Musikschulleiter Kurt Schneeweis ins Exil.
Eigentlich wollte Bürgermeister Robert Niedergesäß sich nur bei Kurt Schneeweis als Macher für diese Jubiläumsveranstaltung in 33 Jahren und bei Christine Erk für 13 Jahre Organisationsarbeit bedanken. Doch dann mutierte nach dem Dank die Begrüßung zu einer längeren Erklärung über die Entscheidung des Gemeinderats, warum für Rathauskonzerte im Lichthof die Lichter ausgehen und was an Alternativen zur Planungs- und Entscheidungsreife für ein neues Ortszentrum gedeihen soll (wir berichteten).
Währenddessen warteten im Hintergrund auf der Bühne bereits Nina Karmon stehend mit ihrer Violine sowie Andreas Kirpal sitzend am Flügel und ergaben sich gleichmütig wartend ihrem Schicksal.
Endlich startete das Duett mit der Sonate für Klavier und Violine von Claude Debussy. Der französische Komponist hat an diesem seinem letzten Werk wie auch seiner einzigen Sonate dieser Art sehr viel geändert, und es ist die Frage, ob der Experimentierprozess noch weitergegangen wäre. Die große musikalische Erwärmung erzeugte das Stück nicht unbedingt. Das Allegro Vivo wirkte ziemlich belanglos. Wohlwollen gegenüber der Sonate entwickelte sich, weil Nina Karmon im anmutigen Zwischenakt vollkommen unaffektiert und mit sicherer Technik das Spiel des Bogens auf den Saiten beherrschte, während die Finger wie selbstverständlich mit Leichtigkeit und faszinierendem Tempo über die Saiten liefen. Dem Charakter des Finales entsprechend wurden nach einer gekonnt träumerischen Eröffnung von Andreas Kirpal endlich Temperamente freigesetzt.
Aus zwei mach vier: Nina Karmon und Andreas Kirpal räumten die Bühne und überließen den Edelstreichern vom Diogenes-Quartett mit Stefan Kirpal (1. Violine), Gundula Kirpal (2. Violine), Magdalena Brune (Viola) und Stephen Ristau (Violoncello) das Feld für Maurice Ravels frühes kammermusikalisches Werk, das Streichquartett in F-Dur. Es ist wohl wegen des klaren, strukturellen Aufbaus und Themendurchführung mit den gut ins Ohr gehenden Wiederaufnahmen im dritten und vierten Satz das mit am häufigsten gespielte Kammermusikstück von Ravel. Hätte es das Diogenes-Quartett zu Ravels Zeiten gegeben, könnte man meinen, er hätte es für sie geschrieben.
Höchst differenzierte Dynamisierungen ohne Effekthascherei waren wieder Markenzeichen der jungen Musiker, die seit 13 Jahren als Diogenes-Quartett die Konzertsäle füllen. Allein schon der mitreißende zweite Satz "Assez vif très rythme" mit raffinierten Pizzicato-Passagen hätte einen leider nicht opportunen Zwischenbeifall verdient. Dann der Kontrast im "Très lent" mit mystischen als auch verträumten langsamen Tonläufen, die vom absolut temperamentvollen Schluss abgelöst wurden. In dieser Heiterkeit passte der lebhafte Stefan Kirpal, der trotz abgehobener Füße seine musikalische Bodenhaftung behielt.
Aus vier mach sechs: Nach der Pause kehrten auch Nina Karmon und Andreas Kirpal zu Ernest Chaussons Konzert für Violine, Klavier und Streichquartett d-Dur, op. 21 auf die Bühne zurück. Chaussons Werk ist eine Rarität und insofern auch vom Publikum angenommen. Unverkennbar ist der Einfluss von Richard Wagner in der Harmonik. Andreas Kirpal am Flügel genoss die Chancen solistischer Darbietung. Er war gleichzeitig gekonnt tragender Begleiter für die Streichinstrumente und fiel als Diener des Ensembles mit seiner Unterordnungsbereitschaft  höchst angenehm auf. Von dem Gesamtwerk wird dem Hörer wohl trotz eines teilweise machtvollen "Décide", einem gemächlichem "Sicilienne" und dem sehr getragenen "Grave" hauptsächlich der Schlusssatz "Très animé" mit einem komplexen Ausdruck mit teils symphonischer Kraft in Erinnerung bleiben.
Da huschte dann auch während des Spiels der Violinistin Nina Karmon ein Lächeln ins Gesicht. Es lag wohl am freundlichen Blickkontakt, den Violinkollegin Gundula Kirpal zu ihr aufgenommen hatte.

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