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Schneeflocken im Wohnzimmer – Das „Diogenes Quartett“ bestÃĪtigt in der „alten Vogtei“ zu Burgkunstadt die hohe Kunst des Streichquartettspiels

Neue Presse Coburg, 15. Februar 2011

(Bernd Schellhorn) Es ist genau diese „Wohnzimmer-Atmosphäre“ der Vogtei, die den intimen Charakter der Kammermusik ins Publikum überträgt. Wohl selten sitzt der Zuhörer derart nahe bei den ausführenden Künstlern und könnte quasi umblättern mit ausgestrecktem Arm. Jede noch so feine Nuance des Vortrags erfährt eine Eindringlichkeit, die es wohl selten woanders gibt. Selbst das Auflegen des Bogens auf der Saite – und sei dies noch so still getan – ist in dieser Nähe und Studio-Akustik zu hören.
Der furiose Beginn von Joseph Haydns „Streichquartett F-Dur op. 50/5“ kommt daher wie ein Orkan in Unisono und die virtuosen Triolen der ersten Violine verschwenden sich in musikalischer Pracht, natürlich vollkommen eingebunden in die klassische Sonatensatzform.Bei aller Gewagtheit wagt „Papa“ Haydn immer die Contenance, bleibt Gentleman.Immer mehr „Notenschmierer“ hatten ihm Quartette gewidmet. Um seine kompositorische Messlatte etwas höher zu legen (und natürlich in erster Linie, um es diesen Möchtegerns zu beweisen) machte sich Haydn an die Quartette op. 50 und schuf kunstsinnige Wunderwerke.
Das „Diogenes Quartett“ agiert stilgerecht klassizistisch, phrasiert wunderbar und findet die passende Interpretation für die Einzelsätze: Schlank streckt sich das Adagio, forsch getanzt wird das knapp-strukturierte Menuett mit Trio und wiederum mit aller Verve stürzen sich die vier Musiker in das Finale. Das staubende Kolophon kitzelt uns Zuhörern die Nasen, so feurig und intensiv wird musiziert. Das Werk erklingt wie aus einem Guss in weiter Dynamik, wohltuender Transparenz und ohne Ritardando. Das Schlussfinale wirkt strikt wie ein in den Raum katapultiertes Ausrufezeichen.
Es folgt der nonenverliebte Maurice Ravel und sein wundersam-melodiöses und flirrendes „Quartett F-Dur“. Wie sentimental und gut versteckt, aber doch vernehmbar ist die Rhythmik des argentinischen Tango, derer sich der Komponist bedient. Wie sorglos verweben oder spreizen die übermäßigen Akkorde sich durch die Register. Und mit welch unendlicher Klangvielfalt überzeugt und verzaubert uns das „Diogenes Quartett“: Es entstehen Klänge wie sanft sinkenden Schneeflocken, die im feinen Hauch und Gesang der weiten melodischen Bögen schmelzen. Oft sieht das Publikum die Musiker mit geschlossenen Augen agieren, ganz versunken im Zusammenspiel. Jeder der vier sorgt sich intensiv um den Gesamtklang. Dieser bleibt stets impressionistisch verlässlich und huldigt der Ravel´schen Kompositionsmuster, die eine flirrende Zeitlosigkeit hervorrufen. Eine zauberhafte Wiedergabe dieses Meisterwerks.
Ganz gezähmten „Sturm und Drang“ erfährt in der Interpretation von Stefan und Gundula Kirpal (Violinen), Stephanie Krauß (Viola) und Stephen Ristau (Cello) Felix Mendelssohn-Bartholdys „Quartett D-Dur op. 44/1“. Selbst das Fugato im ersten Satz „Molto allegro“ und das aufwühlende Trio im Menuett bleiben durchdacht und erfahren wohltuende Durchsichtigkeit bei aller dynamischen Finesse. Besonders eindringlich vernimmt der Zuhörer dadurch die Formanten der Instrumente, also ihre spezifische Eigentümlichkeit. Jeder der vier Musiker lebt seine instrumentale Könnerschaft vollkommen in den Werken aus und gibt sich hochkonzentriert der Verständigung im Team hin. Das macht die Intensität des „Diogenes Quartetts“ aus. Das Publikum gibt begeisterten Beifall und erhält einen Mozart als Zugabe.

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