
Thüringer Allgemeine, 2. Oktober 2010
(Gottfried Meyer) Abwechslungsreich eröffnete die Landeskapelle die Spielzeit 2010/11 mit dem 1. Sinfoniekonzert. Großes stand auf dem Programm, weshalb das Ensemble mit Gastmusikern erweitert werden musste.
Im Preludio war diesmal der Flötist Tobias Flügel als Solist in der Ballade von Frank Martin zu hören. Sie erklang in der Fassung für Flöte, Klavier und Streicher. Damit war, nicht wie bei früheren Konzerten, im Preludio schon eine größere Besetzung vor dem eigentlichen Konzert zu hören. Dafür begann es mit einem Streichquartett. Das 1. Sinfoniekonzert stand unter dem Titel „Vom Quartett ins Sinfonieorchester“. Das Diogenes Quartett, ein junges und innovatives Ensemble aus München, war an diesem Abend mehrfach gefordert. Solistisch trat es mit dem Streichquartett G-Dur (op. 54/1) von Joseph Haydn auf, war in der Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis für Streichquartett und Streichorchester von Ralph Vaughan Williams zu hören und übernahm den Solopart im Konzert für Streichquartett und Orchester (H 207) von Bohuslav Martinu.
Dass das Diogenes Quartett in der Klassik des späten 18. Jahrhunderts zu Hause ist und auch Werke des 20. Jahrhunderts meistert, war zu hören. Entsprechend passten die Musiker ihren Klang der Stilepoche an. Einer historischen Aufführungspraxis angenähert musizierten sie den Haydn, einen wesentlich kräftigeren Ton entfalteten sie in den anderen Werken. Stefan Kirpal (1. Violine), Gundula Kirpal (2. Violine), Stephanie Krauß (Viola) und Stephen Ristau (Violoncello) spielen seit 2002 zusammen. Äußerste Präzision und ein homogener Klang zeichnen dieses hervorragende Streichquartett aus.
Immer wieder griff Dirigent Carlos Dominguez-Nieto zum Mikrofon, war so besser zu verstehen und gab Erläuterungen. Dadurch ist er nicht nur Orchesterleiter, sondern auch Pädagoge. Wie dem Jahresprogramm und dem Programmheft zu entnehmen ist, möchte er junge Zuhörer begeistern, aber auch die ständigen Konzertbesucher einen Blick in die Werkstatt werfen lassen. Zu dem von ihm eingeführten Präludio und den Mittagsmusiken kommen noch weitere lobenswerte Innovationen hinzu.
Der englische Komponist Ralph Vaughan Williams (1872 bis 1958) ist hierzulande leider wenig bekannt. Sein umfangreiches Schaffen auf den Gebieten der Orchestermusik (auch Filmmusik), Kammermusik, Chormusik oder Kirchenmusik harrt der Verbreitung. Die Interpretation seiner Tallis-Fantasie wird ihm Freunde gebracht haben. Aus dem Nichts baute Carlos Dominguez-Nieto mit seinen Musikern ein klangschönes Forte auf, um es wieder im Nichts entschwinden zu lassen. Lange verharrte das Publikum in atemloser Stille, bis langanhaltender Beifall aufkam.
Nach der Pause ging es noch einmal in das ausgehende 18. Jahrhundert zurück. Haydns Oxford-Sinfonie, zu gleicher Zeit wie das eingangs gehörte Streichquartett entstanden, sollten die Zuhörer im Zusammenhang mit dem Streichquartett bewusst anhören: weg vom Hedonismus im Konzert. Man kann bewusst zuhören und gleichzeitig Genuss dabei haben, was ohne weiteres gelingen konnte. Dass an diesem Abend aus der Oxford-Sinfonie eine Stock-fort-Sinfonie wurde, ist der Impulsivität des Dirigenten zuzuschreiben. Einem Nur-Taktschläger kann das nicht passieren.
In Bohuslav Martinus Konzert wird vielleicht mancher Zuhörer das typisch tschechische (böhmische) Musikkolorit vermisst haben. Es spielt in seinen Werken keine Rolle. Carlos Dominguez-Nieto warnte die Zuhörer schon etwas vor.