
Münchner Merkur, 16. Juni 2010
(Manfred Stanka) Nicht selten wirkt die Atmosphäre einer so genannten Musikerwerkstatt ungleich authentischer als die einer Aufführung in einem Konzertsaal. Hier entsteht eine Werkinterpretation in progress! Und so haben sich die Mitglieder vom Münchner Diogenes Quartett im Richard-Strauss-Saal der Grünwalder Musikschule vor rund 50 enthusiastischen Zuhörern im Alter zwischen sieben und 70 aufgereiht. Seziert wird zunächst der Einleitungssatz, das Vivace, des Joseph Haydn-Quartetts in G-Dur op. 54/1.
Das Violoncello von Stephen Ristau übernimmt die Vorherrschaft, in „fahlen Akkorden“ verbirgt sich die Melodie. Sie gibt dem Satz Struktur und ist allgegenwärtig. Dennoch, in manchen Episoden ist sie gar nicht so leicht wiederzuerkennen, sie verwandelt sich, verbirgt sich in neuen Facetten und Schattierungen. Gundula Kirpal entlockt ihrer Geige ein Fragment des Haydn-Opus. Auch hier ist das gesuchte musikalische Herzstück zu finden. Aber es ist versteckt – und erst nach dreimaliger Wiederholung atmet der Saal auf: gefunden!
Der Zuhörer wünscht sich mehrere solcher Abende. Das Diogenes Quartett gibt keine dieser oft arg heruntergespulten Werkeinführungen, sonder seziert seine ihr ureigenste Interpretation. Im musikantischen Zugriff, im Zerlegen von Farb- und Ausdrucksnuancen, die im Gespräch begründet werden, entsteht aus dem Gerüst der Bau, das Stück in all seinen Variationen. Dabei werfen sich die vier Musiker schlagfertig verbale Einsichten zu, was das Zuhören umso amüsanter macht. Und sie erzählen davon, wie sich ein Stück veredelt, wenn man es dann nach all den Proben auf der Bühne spielt: „Wir brauchen dafür das Publikum.“
Aber letztendlich war dieses Gesprächskonzert nur der Abschluss eines langen Tages, an dem die jungen und schon sehr renommierten Musiker auf Einladung von Musikschulleiter Markus Lentz den Nachwuchs in die aufregende Welt des Streichquartetts einführten. Schüler im Alter zwischen neun und 19 Jahren formierten sich zu vier Quartetten und übten sich fünf bis sechs Unterrichtsstunden im exakten Zusammenspiel und nicht zuletzt in der Fähigkeit, aufeinander zu hören und zu reagieren. Der Nachwuchs kam aus Schulen in Grünwald, München, Fürstenfeldbruck und Traunwalchen.
„Die Kleinen waren unerhört neugierig, während die Großen schon ehrgeizig auf Qualität achteten“, gab das mit Kinderkonzerten erfahrene Diogenes Quartett Einblick in den Kammermusikworkshop. Dieser wird am kommenden Sonntag in Grünwald weitergeführt. Zu hoffen bleibt, dass dieses Ensemble mit seinem edlen voluminösen Ton auch mal in der Isartal-Gemeinde gastieren wird.