
Böblinger Zeitung, 27. März 2009
So mancher wird sich gefragt haben: Muss das sein, dass zum Streichquartett auch noch eine Flöte kommt? Muss natürlich nicht. Ein Streichquartett, zumal von der Klasse des Diogenes-Ensembles, kann problemlos alleine einen Konzertabend bestreiten. Allerdings darf man im Nachhinein sagen, der Auftritt Tardys war ein absolutes Extrabonbon. Er ist freilich auch nicht irgendwer, sondern Soloflötist der Bayerischen Staatsoper, spielt also unter Zubin Mehta und hat bereits etwa unter Abbado, Barenboim, Boulez, Haitink und Wand gespielt. Zudem hat er sich mittlerweile auch als Dirigent einen Namen erworben.
Mit Tardy nun an der Position der ersten Geige bei zwei Mozartquartetten für Flöte, Violine, Viola und Violoncello (op. 285b und 298) erfuhren die oft bieder, nach gehobener Hausmusik klingenden kurzen Stücke eine traumhafte Veredelungskur. Dank sängergleichem Phrasierungsgespür hievte die Flöte die Melodik mal auf Opernhausniveau, durchleuchtete mal dezidiert rhythmisch die tänzerische Substanz, meisterte alle Anflüge scheinbarer technischer Hürden mit unerhörter Leichtigkeit und führte vor allem die drei Streicher wie ein echter Primarius. Ganz unerwartet auch die klangliche Harmonie: Die Flöte verschmolz zeitweise dermaßen eng mit dem Violinklang, dass kein Bogenhaar mehr dazwischen passte. Statt Hausmannskost bot das Ensemble ein Drei-Sterne-Menü.
Verkappte Violinkonzerte
Natürlich gehörte dazu auch ein fein abgestimmter Streicherpart. Den Nachweis, zu den Besten seiner Generation zu gehören, lieferte das 1996 in München gegründete Diogenes Streichquartett allerdings auch in Reinformation mit den Streichquartetten op. 54/1 von Haydn und Mendelssohns op. 44/1, die, wegen exponierter erster Geige, beide als verkappte Violinkonzerte gelten. Gerade bei Mendelssohn war aber interessant, wie das Ensemble das Stück in den Humus der Kammermusik zurück verpflanzte. Dank sehr kompaktem Ensembleklang blieb Violinchef Stefan Kirpal fest eingebunden, ohne dass übermäßiger Druck von den Mitspielern erzeugt wurde. Den großen Überblick verratend peilte das Quartett das quasi orchestrale Volumen erst zu furiosen Finale an.
Neben vielen Farb- und Ausdrucksnuancen, einem gar ins salonhafte gerückten Menuett, vollendetem Changieren zwischen Ausdünnung und Verdichtun bestach die Haydn-Interpretation der Münchner vor allem auch durch ihren Esprit: Haydns humoristische Randnotizen gipfelten in einem Schluss, der eigentlich kein Ende, sondern ein Aufhören ist und somit an die berühmten letzten Worte eines anderen ehemaligen Münchners erinnerte: „Habe fertig“.
zurück